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Tagung 2009

Emotionen! (Paris, 20.-21. Nov. 2009)

Ort
Deutsches Historisches Institut Paris

Organisation
Klaus Oschema (Heidelberg/Bern) und Simona Slanicka (Bielefeld)

Konzept und "Call for papers" (pdf-Download: deutsch - französisch)

Angst und Hass, Liebe und Freude, Trauer und Lust – zahlreiche Arbeiten und Publika- tionen der letzten Jahre bezeugen bereits mit ihren Titelbegriffen die wachsende Bedeu- tung, die der Dimension der Emotionalität in historischen Analysen zugesprochen wird. Trotz dieser offensichtlichen Prominenz der Emotionen kann nicht von einem einmütigen Trend die Rede sein: Zu unterschiedlich sind sowohl die Zugriffe und Methoden wie auch die Positionen im Hinblick auf der Erkenntnismöglichkeiten und die interpretative Einord- nung der Befunde. Das Forschungsfeld ist in den letzten beiden Jahrzehnten so weit an- gewachsen, dass erste kritische Überblickspublikationen tatsächlich vor allem die Diversität der Zugriffe in den Blick nehmen.

Trotz aller Unterschiedlichkeit in Zugang und Bewertung kann allerdings kein Zweifel daran bestehen, dass dem Bereich der Emotionalität für die Interpretation menschlichen Han- delns im individuellen wie kollektiven Bereich grundlegende Bedeutung zukommt. Gerade eine moderne Kulturwissenschaft, die es gelernt hat, vergangenes Handeln im Kontext struktureller Bedingungen und sozialer Vernetzungen zu betrachten, kommt nicht umhin, adäquate Modelle für die Beschreibung von Entscheidungen und für das Ergreifen von Handlungsoptionen bereitzustellen. Wenn aus historisch-anthropologischer Sicht die handlungsentscheidenden Parameter mit Hilfe eines rational-choice-Modells nicht er- schöpfend oder befriedigend beschrieben werden können, so muss der Blick entsprechend auf die weiteren Einflusselemente geweitet werden, zu denen unzweifelhaft auch die Ebe- ne der Emotion zählt. Damit sei jedoch nicht behauptet, dass die Rationalität als geeig- neter oder gar einziger Gegenbegriff zur Emotion anzusehen sei – vielmehr spricht einiges dafür, diese als « interessiertes » Handeln bzw. Streben zu fassen, so dass sie in variab- len Gemengelagen mit dem Phänomen rationaler Abwägungsprozesse erscheinen kann. Wenn also nicht von einem antagonistischen Verhältnis von Emotion und Rationalität ausgegangen werden soll – mithin auch einer Meistererzählung die Basis entzogen ist, die analog zu Norbert Elias’ « Zivilisationsprozess » von einer linearen Entwicklung hin zur Affektkontrolle und Dominanz der Rationalität und des Kalküls ausgeht – so übt die Emo- tionalität doch auf jeden Fall bedeutenden Einfluss auf menschliches Handeln und damit den Gegenstand der historisch arbeitenden Disziplinen aus, so dass ihr auch in histori- schen Untersuchungen ein entsprechender Platz einzuräumen sein sollte.

Eine solche Ausrichtung mag zwar weiterhin umstritten sein, sie nimmt jedoch seit langem anhängige und ebenso reizvolle wie unerfüllte Forderungen der Annales-Schule wieder auf: Bereits in den 1940er Jahren erhoben einzelne Autoren die Forderung nach einer Rekonstruktion der vie affective früherer Zeiten, um so dem Ideal einer histoire totale näherzukommen. Die damit verbundenen Schwierigkeiten sind aber auch heute noch bei weitem nicht überwunden. So divergieren bereits beim Blick auf unsere eigene Gegenwart die Auffassungen davon, wie das Phänomen « Emotion » als solches adäquat zu beschrei- ben und analytisch zu fassen sei: Die Positionen bewegen sich hier in einem Spannungs- feld, das von der « essentialistischen » Auffassung, es handele sich zumindest bei einer Gruppe sogenannter « Basisemotionen » um anthropologische Konstanten, bis hin zum « sozialkonstruktivistischen » Modell reicht, das vom grundsätzlich sozial wie kulturell beeinflussten Charakter der Emotion ausgeht und diese damit zu einem fundamental kulturell geprägten Gegenstand erklärt.

Besitzt die erste Hypothese zumindest oberflächlich den Vorteil, der historischen Analyse eine sichere Grundlage für die Einschätzung emotional geprägter Verhaltensmuster zu bie ten, so wird sie sich angesichts der jüngeren Debatten in den Sozialwissenschaften zumindest nicht in einer harten Form halten lassen. Geht man dagegen von der sozio- kulturellen Prägung der Emotionen aus, so ermöglicht dies eine radikale Historisierung des Gegenstands – der damit seinerseits aber nun schwieriger zu erfassen ist. Welcher der beiden Positionen man auch anhängen mag, beide Standpunkte gehen grundsätzlich davon aus, dass die Emotion einen unhintergehbaren Bestandteil menschlichen Daseins bildet. Hinsichtlich ihrer Wirkmechanismen plädiert insbesondere die Mediävistin Barbara Rosenwein seit längerer Zeit für eine strikt sozialkonstruktivistische Auffassung, die dem « hydraulischen Modell » entgegensteht, das im Gefolge der Arbeiten Sigmund Freuds lange Zeit die sozialwissenschaftlichen Auffassungen dominierte. Unterschwellig recht dominant ist bis heute das Zerrbild der extremen mittelalterlichen Gefühlsschwankungen, wie es Johan Huizinga im Anschluss an Freud gezeichnet hat und das beispielsweise manche aktuellen Forschungsdebatten zur Gewalt charakterisiert. Auch Norbert Elias’ « Zivilisationsprozess » wies dem Mittelalter ein ungezügeltes Affektleben zu, dessen Bild es zu nuancieren gilt.

Als weiteres Problem stellt sich die Frage nach dem Charakter und der Aussagekraft der uns zur Verfügung stehenden Quellen und Materialien. Jeder Text, jedes Bild und Objekt, in denen Handlungsabläufe als emotional fundiert und motiviert dargestellt werden, eröff- nen damit ausschließlich einen vermittelten Zugang. Sie erlauben streng genommen also nur Einblicke in das Reden über oder « mit » Emotion. Der traditionelle Ausweg aus diesem Dilemma scheint insbesondere für genuin historische Arbeiten darin zu bestehen, die fraglichen Äußerungen als Element eines letztlich durch rationale Mechanismen organisier- ten Systems symbolischer Repräsentationen zu lesen, in dem das Reden « mit » Emotio- nen als ritualisierte Form der symbolischen Kommunikation zu verstehen sei: Der Zorn oder die Tränen einzelner historischer Akteure gerinnen damit zu kodifizierten Ausdrucksformen, die den Ansprüchen der jeweiligen Situationen zu genügen haben.

So aufschlussreich diese Position sein mag, die in den letzten beiden Jahrzehnten zahlrei- che wertvolle und wichtige Einsichten zu so unterschiedlichen Phänomenen wie der Ehre, den Zorn, die Huld etc. als Medien politisch-sozialer Kommunikation ermöglichte, so klam- mern sie doch grundsätzlich die Möglichkeit genuiner, individueller und nicht allein durch soziale und situative Parameter vollständig erklärbarer Emotionalität aus. Liest man die Zeugnisse für emotional gefärbte Sprache in den Quellen durch eine funktionalistische oder rationalistische Brille, so scheint kein Kriterium zu verbleiben, aufgrund dessen eigenständige Formen der Emotionalität als solche erkannt werden können. Vor dem Hintergrund eines Menschenbildes, das grundsätzlich mit der Bedeutung von Emotionen als zentralem motivierendem oder modulierendem Faktor menschlichen Handelns rechnet, muss eine solche Position unzulänglich erscheinen. Bereits die Beobachtungen in den Ar- beiten Febvres oder Huizingas über die intensiven Gefühlsausbrüche mittelalterlicher Men- schen legten andere als bloß rituell/symbolisch/öffentliche Interpretationen nahe. Als Beispiel sei auf die Vielfalt von Trauerformen verwiesen, also eine der im Mittelalter wohl am stärksten ritualisierten Emotionen überhaupt, der die Chronisten dennoch immer wieder individualisierte Formen und Ausmaße zu verleihen wussten, wie Bernhard Jussen etwa für den um seinen ermordeten Vater trauernden Philipp den Guten gezeigt hat.

Eine Lösung für die Überwindung der « Repräsentationsbarriere » hin zur Analyse emotio- nal basierten Handelns scheint derzeit noch außer Reichweite, zumal das Interesse in den unterschiedlichen mit dem Mittelalter beschäftigten Disziplinen auch an verschiedenen Aspekten ansetzt: Mag es etwa aus der Sicht der philologisch arbeitenden Wissenschaf- ten besonders aufschlussreich sein, wie das Reden « mit » der Emotion als narratives Element oder als ästhetische Form eingesetzt wurde, so setzt das Interesse der Ge- schichtswissenschaft wohl eher an den Einflüssen der Emotion auf tatsächliches mensch- liches Handeln oder auf die emotionalen Auswirkungen historischen Geschehens auf Individuen und Gruppen an. Um erste Blicke « hinter » kodifizierte emotionale Äußerungen zu tun, könnte etwa ein neuer Blick auf Ausdrucksformen wie Weinen, Lachen, Tränen, Grimassen, Händeringen, « mit den Füßen stampfen », Erröten, « Ohnmächtig werden » etc., gewagt werden, zu denen bereits manche Studien existieren. Wünschbar wäre sicherlich auch eine breitere Erfassung des Vokabulars für die historisch unterschiedlich nuancierte Reichweite von Gefühlen. Womöglich würden auch Re- Lektüren bereits be- kannter Gefühlsäußerungen jenseits ihrer rituellen Interpretation neue Erkenntnisse hervorbringen. Dass die Verständnisschwelle bei einer solchen Ausrichtung höher angesetzt sein dürfte, leuchtet unmittelbar ein.

Welche Mittel besitzen wir also, um uns dem Bereich der Emotion zu nähern und welche Bereiche erscheinen dabei besonders vielversprechend? Welche Zugänge beherrschen die einzelnen Disziplinen und inwiefern spielt die Frage nach der Emotion überhaupt eine Rolle in den unterschiedlichen disziplinär verorteten Kontexten? Die Beiträge zur diesjährigen Tagung des Brackweder Arbeitskreises sollen sich mit diesen grundlegenden und in der Zukunft sicher noch intensiv zu debattierenden Fragen auseinandersetzen. Dabei können sowohl konkrete Einzelprojekte zur Sprache kommen, die sich mit spezifischen Zugängen beschäftigen (Körpergeschichte, Historische Anthropologie, etc.), als auch interdisziplinär angelegte Analysestrategien. Von besonderem Interesse sind Beiträge, die anhand ausge- wählter Fallbeispiele oder in Bezugnahme auf bereits vorliegende Theoriedebatten explizit die Kernfragen des methodischen Zugriffs in den Blick nehmen. Mit der Austragung der diesjährigen Tagung des Brackweder Arbeitskreises in Paris soll insbesondere der Aus- tausch zwischen jüngeren Vertreterinnen und Vertretern der deutsch- und französisch- sprachigen Wissenschaftskulturen befördert werden.

Vorschläge für einschlägige Beiträge (mit einem ca. 1seitigen Abstract) sollten bis 01. Juli 2009 per Mail an

Simona Slanička (simona.slanicka@uni-bielefeld.de)

oder

Klaus Oschema (klaus.oschema@zegk.uni-heidelberg.de)

geschickt werden.

Die Tagungen des Brackweder Arbeitskreises werden grundsätzlich von den Teilnehmer- innen und Teilnehmern selbst getragen. Dank der Unterstützung des Deutschen Histori- schen Instituts in Paris werden die Veranstalter aber zumindest einen Teil der Reise- und Unterbringungskosten übernehmen können. Weitere Informationen zur Höhe dieser Zu- schüsse folgen zum frühestmöglichen Zeitpunkt, da die Beträge von der Zahl der Vortra- genden und der Teilnehmenden abhängen.

Die Beiträge selbst sollen in deutscher oder französischer Sprache präsentiert werden – zur Unterstützung und Erleichterung des Austauschs werden die Vortragstexte den Zuhörerinnen und Zuhörern zur Verfügung gestellt. Um das Verständnis und die Diskus- sionsmöglichkeit zu gewährleisten, sollten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zumindest über passive Kenntnisse der jeweiligen Fremdsprache verfügen.  

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