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Emotionen! (Paris, 20.-21. Nov. 2009) Ort Organisation Trotz
aller Unterschiedlichkeit in Zugang und Bewertung kann
allerdings kein Zweifel daran bestehen, dass dem Bereich der
Emotionalität für die Interpretation menschlichen Han-
delns im individuellen wie kollektiven Bereich grundlegende
Bedeutung zukommt. Gerade eine moderne Kulturwissenschaft,
die es gelernt hat, vergangenes Handeln im Kontext
struktureller Bedingungen und sozialer Vernetzungen zu
betrachten, kommt nicht umhin, adäquate Modelle für die
Beschreibung von Entscheidungen und für das Ergreifen von
Handlungsoptionen bereitzustellen. Wenn aus
historisch-anthropologischer Sicht die
handlungsentscheidenden Parameter mit Hilfe eines rational-choice-Modells
nicht er- schöpfend oder befriedigend beschrieben werden können,
so muss der Blick entsprechend auf die weiteren
Einflusselemente geweitet werden, zu denen unzweifelhaft
auch die Ebe- ne der Emotion zählt. Damit sei jedoch nicht
behauptet, dass die Rationalität als geeig- neter oder gar
einziger Gegenbegriff zur Emotion anzusehen sei – vielmehr
spricht einiges dafür, diese als « interessiertes »
Handeln bzw. Streben zu fassen, so dass sie in variab- len
Gemengelagen mit dem Phänomen rationaler Abwägungsprozesse
erscheinen kann. Wenn also nicht von einem antagonistischen
Verhältnis von Emotion und Rationalität ausgegangen werden
soll – mithin auch einer Meistererzählung die Basis
entzogen ist, die analog zu Norbert Elias’ « Zivilisationsprozess »
von einer linearen Entwicklung hin zur Affektkontrolle und
Dominanz der Rationalität und des Kalküls ausgeht – so
übt die Emo- tionalität doch auf jeden Fall bedeutenden
Einfluss auf menschliches Handeln und damit den Gegenstand
der historisch arbeitenden Disziplinen aus, so dass ihr auch
in histori- schen Untersuchungen ein entsprechender Platz
einzuräumen sein sollte. Eine
solche Ausrichtung mag zwar weiterhin umstritten sein, sie
nimmt jedoch seit langem anhängige und ebenso reizvolle wie
unerfüllte Forderungen der Annales-Schule wieder auf:
Bereits in den 1940er Jahren erhoben einzelne Autoren die
Forderung nach einer Rekonstruktion der vie affective
früherer Zeiten, um so dem Ideal einer histoire totale näherzukommen.
Die damit verbundenen Schwierigkeiten sind aber auch heute
noch bei weitem nicht überwunden. So divergieren bereits
beim Blick auf unsere eigene Gegenwart die Auffassungen
davon, wie das Phänomen « Emotion » als solches
adäquat zu beschrei- ben und analytisch zu fassen sei: Die
Positionen bewegen sich hier in einem Spannungs- feld, das
von der « essentialistischen » Auffassung, es
handele sich zumindest bei einer Gruppe sogenannter « Basisemotionen »
um anthropologische Konstanten, bis hin zum « sozialkonstruktivistischen »
Modell reicht, das vom grundsätzlich sozial wie kulturell
beeinflussten Charakter der Emotion ausgeht und diese damit
zu einem fundamental kulturell geprägten Gegenstand erklärt. Besitzt
die erste Hypothese zumindest oberflächlich den Vorteil,
der historischen Analyse eine sichere Grundlage für die
Einschätzung emotional geprägter Verhaltensmuster zu bie
ten, so wird sie sich angesichts der jüngeren Debatten in
den Sozialwissenschaften zumindest nicht in einer harten
Form halten lassen. Geht man dagegen von der sozio-
kulturellen Prägung der Emotionen aus, so ermöglicht dies
eine radikale Historisierung des Gegenstands – der damit
seinerseits aber nun schwieriger zu erfassen ist. Welcher
der beiden Positionen man auch anhängen mag, beide
Standpunkte gehen grundsätzlich davon aus, dass die Emotion
einen unhintergehbaren Bestandteil menschlichen Daseins
bildet. Hinsichtlich ihrer Wirkmechanismen plädiert
insbesondere die Mediävistin Barbara Rosenwein seit längerer
Zeit für eine strikt sozialkonstruktivistische Auffassung,
die dem « hydraulischen Modell » entgegensteht,
das im Gefolge der Arbeiten Sigmund Freuds lange Zeit die
sozialwissenschaftlichen Auffassungen dominierte.
Unterschwellig recht dominant ist bis heute das Zerrbild der
extremen mittelalterlichen Gefühlsschwankungen, wie es
Johan Huizinga im Anschluss an Freud gezeichnet hat und das
beispielsweise manche aktuellen Forschungsdebatten zur
Gewalt charakterisiert. Auch Norbert Elias’ « Zivilisationsprozess »
wies dem Mittelalter ein ungezügeltes Affektleben zu,
dessen Bild es zu nuancieren gilt. Als
weiteres Problem stellt sich die Frage nach dem Charakter
und der Aussagekraft der uns zur Verfügung stehenden
Quellen und Materialien. Jeder Text, jedes Bild und Objekt,
in denen Handlungsabläufe als emotional fundiert und
motiviert dargestellt werden, eröff- nen damit ausschließlich
einen vermittelten Zugang. Sie erlauben streng genommen also
nur Einblicke in das Reden über oder « mit »
Emotion. Der traditionelle Ausweg aus diesem Dilemma scheint
insbesondere für genuin historische Arbeiten darin zu
bestehen, die fraglichen Äußerungen als Element eines
letztlich durch rationale Mechanismen organisier- ten
Systems symbolischer Repräsentationen zu lesen, in dem das
Reden « mit » Emotio- nen als ritualisierte Form
der symbolischen Kommunikation zu verstehen sei: Der Zorn
oder die Tränen einzelner historischer Akteure gerinnen
damit zu kodifizierten Ausdrucksformen, die den Ansprüchen
der jeweiligen Situationen zu genügen haben. So
aufschlussreich diese Position sein mag, die in den letzten
beiden Jahrzehnten zahlrei- che wertvolle und wichtige
Einsichten zu so unterschiedlichen Phänomenen wie der Ehre,
den Zorn, die Huld etc. als Medien politisch-sozialer
Kommunikation ermöglichte, so klam- mern sie doch grundsätzlich
die Möglichkeit genuiner, individueller und nicht allein
durch soziale und situative Parameter vollständig erklärbarer
Emotionalität aus. Liest man die Zeugnisse für emotional
gefärbte Sprache in den Quellen durch eine
funktionalistische oder rationalistische Brille, so scheint
kein Kriterium zu verbleiben, aufgrund dessen eigenständige
Formen der Emotionalität als solche erkannt werden können.
Vor dem Hintergrund eines Menschenbildes, das grundsätzlich
mit der Bedeutung von Emotionen als zentralem motivierendem
oder modulierendem Faktor menschlichen Handelns rechnet,
muss eine solche Position unzulänglich erscheinen. Bereits
die Beobachtungen in den Ar- beiten Febvres oder Huizingas
über die intensiven Gefühlsausbrüche mittelalterlicher
Men- schen legten andere als bloß rituell/symbolisch/öffentliche
Interpretationen nahe. Als Beispiel sei auf die Vielfalt von
Trauerformen verwiesen, also eine der im Mittelalter wohl am
stärksten ritualisierten Emotionen überhaupt, der die
Chronisten dennoch immer wieder individualisierte Formen und
Ausmaße zu verleihen wussten, wie Bernhard Jussen etwa für
den um seinen ermordeten Vater trauernden Philipp den Guten
gezeigt hat. Eine
Lösung für die Überwindung der « Repräsentationsbarriere »
hin zur Analyse emotio- nal basierten Handelns scheint
derzeit noch außer Reichweite, zumal das Interesse in den
unterschiedlichen mit dem Mittelalter beschäftigten
Disziplinen auch an verschiedenen Aspekten ansetzt: Mag es
etwa aus der Sicht der philologisch arbeitenden Wissenschaf-
ten besonders aufschlussreich sein, wie das Reden « mit »
der Emotion als narratives Element oder als ästhetische
Form eingesetzt wurde, so setzt das Interesse der Ge-
schichtswissenschaft wohl eher an den Einflüssen der
Emotion auf tatsächliches mensch- liches Handeln oder auf
die emotionalen Auswirkungen historischen Geschehens auf
Individuen und Gruppen an. Um erste Blicke « hinter »
kodifizierte emotionale Äußerungen zu tun, könnte etwa
ein neuer Blick auf Ausdrucksformen wie Weinen, Lachen, Tränen,
Grimassen, Händeringen, « mit den Füßen stampfen »,
Erröten, « Ohnmächtig werden » etc., gewagt
werden, zu denen bereits manche Studien existieren. Wünschbar
wäre sicherlich auch eine breitere Erfassung des Vokabulars
für die historisch unterschiedlich nuancierte Reichweite
von Gefühlen. Womöglich würden auch Re- Lektüren bereits
be- kannter Gefühlsäußerungen jenseits ihrer rituellen
Interpretation neue Erkenntnisse hervorbringen. Dass die
Verständnisschwelle bei einer solchen Ausrichtung höher
angesetzt sein dürfte, leuchtet unmittelbar ein. Welche
Mittel besitzen wir also, um uns dem Bereich der Emotion zu
nähern und welche Bereiche erscheinen dabei besonders
vielversprechend? Welche Zugänge beherrschen die einzelnen
Disziplinen und inwiefern spielt die Frage nach der Emotion
überhaupt eine Rolle in den unterschiedlichen disziplinär
verorteten Kontexten? Die Beiträge zur diesjährigen Tagung
des Brackweder Arbeitskreises sollen sich mit diesen
grundlegenden und in der Zukunft sicher noch intensiv zu
debattierenden Fragen auseinandersetzen. Dabei können
sowohl konkrete Einzelprojekte zur Sprache kommen, die sich
mit spezifischen Zugängen beschäftigen (Körpergeschichte,
Historische Anthropologie, etc.), als auch interdisziplinär
angelegte Analysestrategien. Von besonderem Interesse sind
Beiträge, die anhand ausge- wählter Fallbeispiele oder in
Bezugnahme auf bereits vorliegende Theoriedebatten explizit
die Kernfragen des methodischen Zugriffs in den Blick
nehmen. Mit der Austragung der diesjährigen Tagung des
Brackweder Arbeitskreises in Paris soll insbesondere der Aus-
tausch zwischen jüngeren Vertreterinnen und Vertretern der
deutsch- und französisch- sprachigen Wissenschaftskulturen
befördert werden. Vorschläge für einschlägige Beiträge (mit einem ca. 1seitigen Abstract) sollten bis 01. Juli 2009 per Mail an Simona Slanička (simona.slanicka@uni-bielefeld.de) oder Klaus Oschema (klaus.oschema@zegk.uni-heidelberg.de) geschickt
werden. Die
Tagungen des Brackweder Arbeitskreises werden grundsätzlich
von den Teilnehmer- innen und Teilnehmern selbst getragen.
Dank der Unterstützung des Deutschen Histori- schen
Instituts in Paris werden die Veranstalter aber zumindest
einen Teil der Reise- und Unterbringungskosten übernehmen können.
Weitere Informationen zur Höhe dieser Zu- schüsse folgen
zum frühestmöglichen Zeitpunkt, da die Beträge von der
Zahl der Vortra- genden und der Teilnehmenden abhängen. Die
Beiträge selbst sollen in deutscher oder französischer
Sprache präsentiert werden – zur Unterstützung und
Erleichterung des Austauschs werden die Vortragstexte den
Zuhörerinnen und Zuhörern zur Verfügung gestellt. Um das
Verständnis und die Diskus- sionsmöglichkeit zu gewährleisten,
sollten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zumindest über
passive Kenntnisse der jeweiligen Fremdsprache verfügen. Zurück zum Programm der Tagung
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