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Tagung 2007 Familienmodelle im Mittelalter (zurück zu Programm) Konzept
In der Mittelalterforschung erlebt das Thema „Familie“ gegenwärtig eine neue Phase gesteigerten Interesses. Das zeigt nicht zuletzt die Fülle wissenschaftlicher Tagungen, die sich diesem Thema zugewandt haben. Damit zeigt die Wissenschaft vom Mittelalter wieder einmal, dass sie eine politische Wissenschaft ist, die Fragen der Gegenwart im Medium der Geschichte reflektiert, denn „Familie“ gehört auch zu den Themen, die im Zentrum des aktuellen politischen Interesses stehen.
Die Gründe dafür sind vielfältig. Zum einen verliert das Familienmodell, das für viele lange Zeit als selbstverständlich galt – die gattenzentrierte Kernfamilie – an Verbindlichkeit. Alleinerziehende Eltern, meistens Mütter, gleichgeschlechtliche Partnerschaft, über deren Recht, Kinder zu adoptieren, in Deutschland gegenwärtig gestritten wird und vielgestaltige Patchworkfamilien haben sich als neue Modelle von Familie etabliert. Außerdem hat der demographische Wandel in vielen westlichen Ländern die Frage aufgeworfen, ob Familie noch eine Zukunft hat, bzw. wie sie eine Zukunft haben kann. In der Debatte um die Folgen der Migration ist Familie geradezu zu einem Schlüsselthema geworden. Die sogenannte „Zwangsverheiratung“ muslimischer Mädchen und patriarchalische Familienstrukturen werden von vielen als Kern der Integrationsproblematik ausgemacht, aber auch instrumentalisiert.
Es fällt freilich auf, dass sich in der politischen Diskussion um Familie eine Frontstellung zeigt, welche die westliche Kultur seit dem Beginn der Moderne geprägt hat: Emanzipationsversprechen und –anspruch auf der einen Seite und die Angst vor Bindungsverlust und Desintegration auf der anderen Seite. Familie ist deshalb ein emotional stark besetztes Thema – für den einen heilig, weil „Keimzelle“ gesellschaftlicher Bindungskraft, und für den anderen als Emanzipationshindernis geradezu ein rotes Tuch. Dies gilt es bei der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Thema Familie stets zu berücksichtigen.
Die mediävistische Familienforschung steht jedoch nicht nur in Bezügen zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Diskussionen. Sie ist auch geprägt durch Forschungstraditionen, die von Land zu Land sehr unterschiedlich sind. Bernhard Jussen hat jüngst auf die Sprachlosigkeit zwischen der anglophonen und der deutschen Familien- und Verwandtschaftsforschung hingewiesen. Dies zeige sich vor allem dann, wenn die Ergebnisse zu Synthesen gebündelt werden.
Diese Sprachlosigkeit zu überwinden und die jeweiligen Forschungstraditionen in produktiver Weise miteinander zu konfrontieren, ist Ziel der diesjährigen Arbeitstagung des Brackweder Arbeitskreises für Mittelalterforschung.
Das Modell der okzidentalen Familie In der makrohistorischen Perspektive auf Familie und Verwandtschaft im Mittelalter unterscheiden sich die englische und die deutsche Forschung – zumindest auf den ersten Blick – beträchtlich. Die englische Forschung erscheint zumindest in Deutschland repräsentiert durch Ergebnisse, zu denen John Hajnal und Peter Laslett bereits in den 60er Jahren gekommen waren, ergänzt durch die Thesen Jack Goodys aus den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts.
Ihre Ergebnisse lassen sich synthetisierend als das Modell einer „okzidentalen Familie“ bezeichnen. Deren Haupteigenschaft sei, dass in ihr die konjugalen gegenüber den patrilinearen Abstammungsbeziehungen dominierten und damit die „Haushaltsfamilie“ gegenüber der weiteren „Verwandtschaftsfamilie“. Dies gehe einher mit einem relativ hohen Alter der Mütter und einem geringen Altersunterschied zwischen den Gatten. Jack Goody zufolge war die kirchliche Inzestgesetzgebung seit der Spätantike hierfür ein maßgeblicher Einflußfaktor. Michael Mitterauer hat außerdem auf die Arbeitsorganisation in den Grundherrschaften hingewiesen.
Als geradezu diametraler Gegensatz hierzu erscheint eine These, die in der deutschen Familien- und Verwandtschaftsforschung bis in die jüngste Zeit hinein maßgeblichen Einfluss hatte. Karl Schmid hatte bereits in den 1950er Jahren die Entstehung der Adelsgeschlechter im Sinne geschlossener agnatischer Verwandtschaftsverbände seit dem Hochmittelalter postuliert und damit gerade die Ablösung parallel/bilateraler Verwandtschaftsverhältnisse konstatiert, die den englischen Forschern zufolge charakteristisch für den mittelalterlichen Okzident waren.
Die Diskussion darüber, wie sich dies mit dem Modell der okzidentalen Familie verträgt, hat gerade erst begonnen und soll auf der Arbeitstagung des Brackweder Arbeitskreises weitergeführt werden. Dabei soll die Frage nach der Reichweite des Modells der „okzidentalen Familie“ grundsätzlich aufgeworfen werden: theoretisch, räumlich und sozial.
Welche Relevanz hat das Modell der „okzidentalen Familie“ jenseits des modernisierungstheoretischen Kontextes, in dem es entstanden ist? Ist es gar eine Form von „Orientalismus“? Transkulturelle Vergleiche könnten zeigen, ob die Unterschiede zwischen der okzidentalen Familie und nicht-westlichen Familienmodellen tatsächlich grundsätzlich waren und wo Gemeinsamkeiten bestanden.
Aber auch die Reichweite des Modells innerhalb des mittelalterlichen Okzidents bedarf der Überprüfung. Von besonderem Interesse, sind dabei jene Phänomene, die nicht dem Modell der okzidentalen Familie entsprechen, wie: Patriliniarität, Polygynie, Erweiterung des „Simple Household-Systems“ zu komplexen intermediären Haushaltsformen u.a.
Familienmodelle in der Praxis Die „okzidentale Familie“ ist ein Strukturmodell. Strukturmodelle vernachlässigen in der Regel jedoch die Perspektive der Akteure. Eine rein akteurszentrierte Perspektive auf die Geschichte der mittelalterlichen Familie läuft dagegen Gefahr, das heuristische Potential von Verallgemeinerungen unausgeschöpft zu lassen bzw. Verallgemeinerungen in Form von Gemeinplätzen gleichsam unter der Hand wieder einzuführen.
Wie also lässt sich die Perspektive der Akteure mit dem Modell der okzidentalen Familie in Beziehung setzen, und wie lassen sich Brücken schlagen zwischen akteurszentrierter und strukturhistorischer Perspektive? Wann modellierten konkrete Akteure ihre Verwandtschaftsfamilie auf welche Weise, welche Ziele verfolgten sie und welche Strategien wandten sie dabei an? Bei der Untersuchung solcher Fragen sind sicherlich vor allem die Mechanismen von Inklusion und Exklusion von besonderem Interesse. Wer wurde als zugehörig zur Familie erachtet und wer nicht? Wie wurden Ein- und Ausschlüsse legitimiert? Wie wurden konstruierte Familienbeziehungen als „natürlich“ etikettiert?
„Familie“ als Modell „Familie“ wurde in unterschiedlichen Kontexten immer wieder als Modell für soziale Beziehungen eingesetzt, vom byzantinischen Modell der Familie der Könige bis zur grundherrschaftlichen familia. Welche Handlungsoptionen eröffnete dieses Vorgehen und welche Risiken barg das Modell der Familie? Wie musste Familie konzipiert sein, um als Modell in nichtfamiliären Zusammenhängen eingesetzt werden zu können?
Familie und andere Modelle von „Gesellschaft“ Man hat die gelockerten Abstammungsbeziehungen in der gattenzentrierten Familie als eine der Ursachen dafür ausgemacht, dass andere Modelle sozialer Beziehungen während des Mittelalters eine große Rolle spielen konnten, v. a. die verschiedenen Formen genossenschaftlicher Zusammenschlüsse: Gilden, Kommunen, Universitäten etc. Das Beispiel der Stadtkommunen zeigt jedoch, dass das Verhältnis von Familie und Genossenschaften oftmals nicht ganz unproblematisch war, wenn etwa patrilineare Abstammungsverbände die Ratssitze mittelalterlicher Städte monopolisierten, so dass man diesen Städten den genossenschaftlichen Charakter geradezu abgesprochen hat. Wie vertrug sich also Familie mit anderen Modellen sozialer Bindungen? Wo ergänzten sie sich und wo bestanden Spannungen und Konflikte?
Die Herausforderung des Modells der okzidentalen Familie Die Beiträge zur diesjährigen Arbeitstagung des Brackweder Arbeitskreises sollen sich durch das Modell der okzidentalen Familie einerseits herausgefordert sehen und es andererseits herausfordern. Unsere Gegenwart ist durch die Pluralisierung von Familienmodellen geprägt – und so sind die Historikerinnen und Historiker der Gegenwart denn auch stärker für die Pluralität von Familienmodellen sensibilisiert. Der Titel der Tagung trägt dem Rechnung. Ihr Ziel ist es, die Reflexion darüber zu stimulieren, welche Herausforderung das Modell der okzidentalen Familie für die Erforschung der mittelalterlichen Familie auch in Zukunft noch darstellen kann.
Karsten Plöger |
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