Brackweder
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Tagung 2005

Integrität - Konzepte von Einheit, Ganzheit und Unversehrtheit im Mittelalter und in der Mittelalterforschung

Programm

Konzept

 

Konzept

Der Stellenwert der Denkfiguren "Einheit, Ganzheit und Unversehrtheit" ist in der gegenwärtigen Mittelalterforschung ungeklärt. Denn einerseits stellt das Einheitsdenken eine der wirkmächtigsten Traditionen des Fachs Mittelalterliche Geschichte dar. Andererseits steht kaum etwas gegenwärtig so unter Anachronismus-, ja Ideologieverdacht wie das Postulieren historischer Einheiten.

Bis in die achtziger Jahre stand die Wissenschaft vom Mittelalter im Banne der "Einheit". Nach dem zweiten Weltkrieg hatte dabei zunächst das Konzept des Abendlandes, das letztlich auf die Romantik zurückgeht, ein "comeback". Das Mittelalter wurde wieder als religiös-kulturelle Einheit auf der Basis des katholisch-christlichen Glaubens verstanden. Als zweites einflußreiches "Einheitskonzept" läßt sich die "Modernisierungstheorie" benennen, die sich als szientifische Variante einer letztlich auf die Aufklärung zurückgehenden Universalhistorie begreifen läßt, in der die ganze Welt als werdende Einheit aufgefaßt wird. Randständig blieb im Vergleich zu den erwähnten Einheitsvorstellungen stets das Konzept problembezogener, gedachter Einheiten, wie das der histoire totale der Annales-Schule.

Als Gegenbewegung vor allem gegen die modernisierungstheoretische Einheitsvorstellung läßt sich bereits die Mikrogeschichte der achtziger Jahre verstehen, die in der Mittelalterforschung allerdings erst später rezipiert wurde. Fundamental in Frage gestellt wurde jegliche Vorstellung von Einheit jedoch erst mit der sei es bewußten, sei es subkortikalen Rezeption des Poststrukturalismus bzw. der Postmoderne.

Jedem Konzept der Einheit der Geschichte sei immer Hierarchie eingelassen, so läßt sich die Kritik aus dieser Perspektive zusammenfassen, und deshalb sei die Einheit der sogenannten allgemeinen Geschichte um den Preis der autoritativen Entscheidung über das, was als historisch relevant und dominant zu gelten hat, erkauft worden. Die Folge sei eine Privilegierung einer dazu erhobenen allgemeinen Geschichte gegenüber anderen "Spezialgeschichten". Als Alternative dazu wurde eine Geschichte ohne Zentrum postuliert, die das Verschiedene als Gleichrangig betrachtet.

Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß in dieser Kritik etwas Richtiges enthalten ist. Werden die Wertbezüge der verschiedenen Einheitskonzepte in der Geschichtswissenschaft doch vielfach nicht problematisiert. Es stellt sich allerdings die Frage, ob eine Geschichte ohne Zentrum die adäquate Antwort auf dieses Defizit ist. Vier Fragen seien formuliert, die das Konzept einer vollkommen dezentrierten Historie aufwirft:

1. Erscheint es fraglich, ob sich Pluralität ohne Einheit überhaupt konzipieren läßt. Bedeutet nicht jede Wissenschaft per se eine Bildung einer wie auch immer gearteten Einheit, insofern, als Wissenschaft stets eine gedankliche Ordnung der Wirklichkeit anstrebt. Jede historische Forschung muß ihre Gegenstände selbst konstituieren, das heißt abgrenzen von jenen Bereichen, die nicht Gegenstand der jeweiligen Untersuchung oder Darstellung werden sollen, und das heißt Einheiten bilden.

2. Einheit ist nicht nur die Erfindung der Historiker, auch die historischen Akteure selbst versuchten bereits, ihre Wirklichkeit mit Hilfe von Einheitsvorstellungen zu ordnen. Eine Hierarchie zwischen Einheit und Differenz ist deshalb vielfach nicht einfach das Resultat konzeptioneller Entscheidungen der Historiker, sondern auch der Zeitgenossen.

3. Ist jedem Einheitskonzept tatsächlich stets Hierarchie eingeschrieben? Oder gab und gibt es neben Konzepten von Einheit, die die Unterwerfung des Anderen fordern, auch solche, die Unterschiede gleichsam überwölben und so allem eine tendenzielle Gleichrangigkeit des Verschiedenen begründen konnten?

4. Die Ablehnung von Einheitsvorstellungen bedeutet de facto vielfach, daß man im akademischen Lehrbetrieb und in der Außenwirkung des Fachs den tradierten Konzepten von der Einheit des Mittelalters das Feld überläßt. Denn die Lehrpläne und die in den letzten Jahren zahlreichen neuen Handbüchern und Überblicksdarstellungen zur mittelalterlichen Geschichte orientieren sich, von Ausnahmen abgesehen, immer noch weitgehend an den tradierten Einheitskonzepten "Abendland" und "Modernisierung". Die Ergebnisse der Forschung, die sich der Erkundung der Pluralität verschrieben hat, kommen wenn nur am Rande vor.

In der Europaforschung, dem Zweig der Mediävistik, der gegenwärtig am weitesten fortgeschritten ist in der Reflexion über das Verhältnis von Einheit und Pluralität in der Geschichte des Mittelalters, hat man daher gefordert, Einheit als historisches Problem zu erkennen und zu diskutieren. Wieviel Einheit braucht die mittelalterliche Geschichte, wie lassen sich historische Einheiten sinnvoll begründen, welche Konzepte von Einheit, Ganzheit und Unversehrtheit lassen sich in der Geschichte des Mittelalters selbst beobachten und welche Probleme warfen und werfen sie auf? Dies sind Fragen, die auf der dieser Tagung des Brackweder Arbeitskreises zur Sprache gebracht werden sollen.

Claudia Moddelmog
Benjamin Scheller